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Mobile Maschinen 6/2019

Mobile Maschinen 6/2019

AUS DER FORSCHUNG UND

AUS DER FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG TRAKTOREN 2018/2019 Im Turnus von zwei Jahren findet die agrartechnische Weltleitmesse Agritechnica in Hannover statt. Sie gilt mit circa 460 000 Besuchern (2017) als die bedeutendste ihrer Art. Traktoren stehen wegen ihrer zentralen Bedeutung stets im Mittelpunkt mit weltweit richtungweisenden Innovationen. Die folgende Übersicht skizziert Tendenzen bezüglich Markt und Technik in Fortführung der seit 1970 regelmäßig erscheinenden Übersichten. Autoren: Dipl.-Ing. Agr. Dipl.-Ing. Wirtsch. Executive MBA Roger Stirnimann, Dozent für Agrartechnik, Berner Fachhochschule/Hochschule für Agrar, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL), Zollikofen, Schweiz, Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Karl Theodor Renius war bis zu seinem Ruhestand Leiter des Lehrstuhls für Landmaschinen an der TU München Die Mechanisierung der Landwirtschaft bleibt erstens eine absolute Notwendigkeit für die zukünftige Welternährung, zweitens ist sie i. d. R. eine „Muss“-Bedingung für die wirtschaftliche Entwicklung armer Länder zu Wohlstand und Wohlfahrt. Gerade hier gibt es noch immer großen Nachhol bedarf, Menschen verlassen ihre Heimat. In vielen armen Ländern behindern leider instabile politische Bedingungen den Fortschritt und damit auch die Möglichkeiten für verbesserte Ausbildung, entwickelte Infrastrukturen, aktiven Technologietransfer, Investitionen von außen, globalen Handel mit Devisenbeschaffung und letztlich ein menschenwürdiges Leben. International hilfreich ist die Kommunikation durch die rasch verbreitete mobile Telefonie sowie das zunehmende Bewusstsein für nachhaltige, umweltschonende und energiesparende Maschinen und Geräte. MARKTSITUATION Der Umsatz deutscher Traktorenhersteller (ohne Claas) stieg trotz inländischer Flaute in 2018 leicht an auf 3,99 Mrd. EUR (2017: 3,66 Mrd. EUR) [1]. Auch in Stückzahlen legte die deutsche Produktion etwas zu, Tabelle 01 – dieses trotz der hohen Zahl „vorgezogener“ Zulassungen kleiner Traktoren im Dezember 2017 wegen geänderter Zulassungsvorschriften ab 1.1.2018 („EU Mother Regulation“). Die dadurch hohen Zulassungen Ende 2017 nahmen Marktanteile von 2018 vorweg, Tabelle 02 [1]. John Deere, Fendt und Case IH+Steyr verzeichneten trotzdem Zuwächse. Hersteller mit Schwerpunkten bei kleinen Traktoren hatten Einbußen. Der gleiche Effekt trat in Frankreich und Italien auf. Im 1. Halbjahr 2019 erholten sich die Neuzulassungen in Deutschland deutlich. 56 Mobile Maschinen 2019/06 www.mobile-maschinen.info

Summenhäufigkeit (Stückzahl) Für die 8R-Baureihe von John Deere stehen neu drei Fahrwerksversionen zur Verfügung: 8RX mit Vierraupen- Fahrwerk, 8R mit Radfahrwerk und 8RT mit Vollraupenlaufwerk (Bild: John Deere) Den weltweiten Traktorenbestand (ohne Kleintraktoren unter ca. 12 kW) schätzen die Autoren auf 45 bis 50 Mio. Stück, den globalen Umsatz für 2019 auf 45 bis 50 Mrd. US-Dollar. Europa gilt als gesättigter Markt mit eher leicht rückläufigen Stückzahlen, jedoch gleich zeitig steigenden Anschaffungskosten je Traktor infolge gesteigerter Leistungen und besserer Funktionen. Als bedeutende Wachstumsmärkte sehen Experten Afrika, China, Russland und Lateinamerika. Zur letzten Region enthält ein Sonderheft der Zeitschrift AMA (Japan) eine interessante Übersicht, u. a. Details zu Brasilien [2]. Die Traktorenmärkte in Japan und Indien sind strukturbedingt durch eine sehr langsame Zunahme der Nennleistungen gekennzeichnet, während sich das Leistungsspektrum der deutsche Inlandszulassungen in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend veränderte, Bild 01. Nach dem Zweiten Weltkrieg entsprach es bis etwa 1972 erstaunlich gut einer logarithmischen Normalverteilung, die sich im entsprechenden Wahrscheinlichkeitsnetz als Gerade abbildete, von Neumann aufgezeigt [3] sowie von ihm und später von Renius [4] erfolgreich für Prognosen genutzt. Heute sieht die Verteilung anders aus. Sie besteht aus drei einzelnen Segmenten. Auffallend ist die erhebliche Erweiterung zu hohen Leistungen bei gleichzeitig aber einem gewissen „Stehenbleiben“ im unteren Bereich. Die damit sehr stark vergrößerte Leistungsspannweite erforderte eine immer größere Zahl von Traktormodellen, heute strukturiert in bis zu sechs oder mehr Traktorfamilien statt früher häufig drei. Bei sehr genauen Analysen müsste man noch berücksichtigen, dass die Nennleistungen heute überwiegend nach EG und ISO definiert werden, die aber nach [5] bis zu ca. 10 % über denen nach DIN 70020 bzw. bis zu 5 % über denen nach ECE R24 liegen. Der Trend der beschriebenen stetig vergrößerten Leistungsspannweite wird überlagert durch eine noch immer steigende Spannweite der Funktionen und Varianten, insbesondere bei globaler Präsenz der Hersteller. 99,5 % 99 98 95 90 80 70 50 30 20 10 5 2 1955 1959 1963 1967 Motor-Nennleistung 1972 1. Halbjahr 2019 1 0,5 10 15 20 30 40 50 60 80 100 120 170 kW 240 01 Traktor-Neuzulassungen in Deutschland als Summenhäufigkeiten im Wahrscheinlichkeitsnetz über logarithmisch skalierter Nennleistung (Daten nach KBA); (Bild: Renius) 1986 Jahr 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Produktion 65 507 46 432 50 865 60 551 59 213 63 599 51 349 47 893 43 487 46 966 48 587 Neuzulassungen 31 250 29 464 28 587 35 977 36 264 36 248 34 611 32 220 28 248 33 695 27 670 Exporte 54 235 36 758 40 769 47 886 46 301 49 772 40 056 37 866 34 828 37 814 37 814 Besitzumschreibungen 86 719 87 175 93 084 96 597 95 005 99 468 102 272 102 988 103 165 106 294 107 299 Tabelle 01: Traktorengeschäft in Deutschland (Stückzahlen), ohne Geländefahrzeuge [1] www.mobile-maschinen.info Mobile Maschinen 2019/06 57

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