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Mobile Maschinen 5/2017

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AGRITECHNICA I SPECIAL

AGRITECHNICA I SPECIAL Abdriften und Flurschäden sind passé Systemlösung zur Hinterachslenkung in Lintrac-Traktor ermöglicht Hangarbeiten Halle 15/Stand H17 Kleine, aber steile Hänge, Hindernisse wie Bäume und Felsen auf den Grünflächen sowie enge Ortsdurchfahrten sind die Gegebenheiten, mit denen landwirtschaftliche Betriebe in den Bergregionen von Österreich, Schweiz und Süddeutschland täglich zu kämpfen haben. Genau auf dieses Einsatzgebiet hat sich das Traktorenwerk Lindner aus Tirol spezialisiert. Seit 70 Jahren entwickelt und produziert das mittelständische Familienunternehmen Lindner aus Kundl in Tirol Traktoren und Transporter für die Berg- und Grünlandwirtschaft sowie für den Kommunalbereich. Mit über 220 Mitarbeitern werden jährlich insgesamt 1 350 Fahrzeuge hergestellt, die unter den Bezeichnungen Geotracs, Lintracs und Unitracs auf den Markt kommen. Lindners Exportanteil liegt bei 50 Prozent, wobei neben Deutschland und der Schweiz auch Frankreich, Italien und Slowenien wichtige Märkte darstellen. Innovationen sind von jeher eine wichtige Antriebsfeder des Unternehmens. In den letzten Jahren wurden die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung sogar von 2 auf 4 Prozent des Umsatzes erhöht. Eines der jüngsten Modelle ist der Lintrac 90: der erste stufenlose Standardtraktor mit lenkender Hinterachse. „Wir sind davon ausgegangen, dass die Hälfte aller verkauften Lintracs mit Hinterachslenkung ausgerüstet 01 Beispielskizze eines EHLA-Plus Lenksystems 40 Mobile Maschinen 5/2017

02 Hilfreich: die Hinterachslenkung verhindert nicht nur das Abdriften am Hang, sondern schont auch den Boden durch einen kleineren Wendekreis sein wird. In der Praxis liefern wir aber sogar 90 Prozent aller dieser Fahrzeuge so aus“, berichtet David Lindner, Leiter Marketing + Export von Lindner Traktoren, stolz. Laut Lindner wurden seit Serienstart im Jahr 2015 bereits 550 Stück dieses Models verkauft. Die Hinterachse kann bis zu 20 ° einlenken und verschafft so dem ohnehin schon kompakten Fahrzeug eine enorme Wendigkeit. Lead-User-Methode Die Einführung des Lintrac 90 ist ein Paradebeispiel für marketingbasierte Produktentwicklung durch den Lead-User-Ansatz. Ziel der Methode ist es, trendführende Nutzer (Lead User) in den Entwicklungsprozess einzubinden, um gemeinsam mit ihnen Ideen und Konzepte für neue Produkt- oder Prozessinnovationen zu generieren. So analysierte Lindner im ersten Schritt der Konzeptionierung die Bedürfnisse der Kunden. Dabei zeigte sich, dass im Besonderen in der Berg- und Grünlandwirtschaft die Nachfrage nach einem wendigen Traktor besteht. Viele kleinere Betriebe legen zudem großen Wert darauf, dass verschiedene Fahrzeuge bzw. Funktionen in einem vereint sind, nämlich Standardtraktor, Hangmäher und Hoflader. Der Lintrac 90 kann sowohl in der Berg- und Grünlandwirtschaft als auch im Weinbau, der Forstwirtschaft und sogar im Kommunalbereich eingesetzt werden. Vor Beginn der Serienproduktion, testen ausgewählte Nutzer in den Kernmärkten von Lindner das Fahrzeug ausgiebig. Die Ergebnisse der Auswertung flossen in die weitere Entwicklung ein. Die zusätzliche Hinterachslenkung des wendigen Traktors bietet noch weitere Vorteile beim Hangeinsatz. Um das Abdriften des Hecks zu vermeiden, kann die Hinterachse über das Bedienterminal der Hilfslenkung manuell in dieselbe Richtung wie die Vorderachse eingelenkt werden. Durch diese Diagonalfahrt wird das Fahrzeug am Hang stabilisiert. Die Lenkung reduziert zudem Flurschäden beim Wenden. Elektronisch-hydraulische Lenkanlage Bei der Lenkung der Traktorenhinterachse vertraut Lindner auf die langjährige Erfahrung des Familienbetriebs Mobil Elektronik aus Langenbrettbach. Neben Steer- By- Wire-Lenksystemen für Sonderfahrzeuge ist Mobil Elektronik zudem Spezialist für elektrohydraulische Hilfslenksysteme, die unter dem Namen EHLA am Markt etabliert sind. Das EHLA-Produktprogramm (Elektronisch-hydraulische Lenkanlage) bietet umfassende Systemlösungen zur Lenkung von Hinterachsen von Nutzfahrzeugen und Anhängern mit Zulassung für den öffentlichen Straßenverkehr. Von der einfachen, failsafe arbeitenden Nachlaufachse bis zu mehrachsigen, fail-operational arbeitenden Hilfslenksystemen kann jede denkbare Applikation aus einem praktisch unbegrenzt kombinierbaren Baukasten- System dargestellt werden. Mithilfe des auf Standardkomponenten aufgebauten Lenksystems besteht die Möglichkeit, nicht nur eine Achse, sondern so viele wie das Fahrzeug benötigt, zu lenken. Reicht ein Lenkrechner nicht aus, kommen mehrere miteinander kommunizierende Rechner zum Einsatz. Bei Mobilkranen werden beispielsweise bis zu sechs Achsen einzeln gelenkt. Im Falle des Lintrac von Lindner wurde das System EHLA-Plus eingesetzt. Wie bei allen EHLA-Systemen bilden Lenkcomputer, Hydraulikeinheit, Lenkzylinder und Winkelgeber einen geschlossenen Regelkreis. Der Sollwert der zu lenkenden Achse wird unter Berücksichtigung verschiedener Einflussgrößen wie Geometrie des Traktors, Lenkwinkel der Vorderachse etc. berechnet. Sollte es zu Abweichungen zum Sollwert kommen, findet eine automatische Nachregelung statt. Der Lenkwinkel der Vorderachse wird durch einen Winkelgeber erfasst. Die Fahrzeuggeschwindigkeit wird redundant über den CAN-Bus oder z. B. mag netische Impulsgeber eingelesen. Zur hydraulischen Versorgung wird bei diesem Fahrzeug eine motorgetriebene Konstantpumpe eingesetzt. „Uns war es wichtig, ein auf Lindner individuell abgestimmtes System zu bekommen“, so Lindner. Entsprechend wurden von Mobil Elektronik die Lindnereigenen Hydraulikkomponenten in das System der Hinterachslenkung integriert. Straßenzulassung und Sicherheit Das Hilfslenksystem EHLA-Plus entspricht den Anforderungen der ECE-R79 Anhang 6, sodass eine Zulassung für den öffentlichen Straßenverkehr erfolgen kann. – Für den Lintrac war dies eine wichtige Voraussetzung. Es wird unterschieden zwischen Straßenfahrt und Feldbetrieb. Die Hinterachslenkung ist nur im Feldbetrieb aktiv, d. h. bei Straßenfahrt wird die Hinterachse mittels Sperrventilen hydraulisch zentriert und gesperrt. Im Falle eines sicherheitsrelevanten Systemfehlers im Feldbetrieb wird beim EHLA-Plus-Hilfslenksystem die Achse in aktueller Position hydraulisch gesperrt. Dies erfolgt ebenfalls durch die Sperrventile. Weiterer Vorteil des Systems sind verschiedene Lenkprogramme, die im Feldbetrieb aktiviert werden können. Eines davon ist der Schneekettenbetrieb, welcher individuell für Lindner konzipiert wurde. Wird dieses Programm per Tastendruck am Bedienterminal im Cockpit ausgewählt, ist der Lenkwinkel der Hinterachse elektronisch begrenzt, damit die Schneeketten nicht mit den Bauteilen des Traktors kollidieren. Ein weiteres interessantes Lenkprogramm ist der Mähbetrieb. Hier wird die Hinterachslenkung erst ab einem Lenkwinkel der Vorderachse von 20 ° aktiviert. Zu weiteren Standardprogrammen von EHLA-Plus gehören die Lenkprogramme Bodenschonen oder Allradlenkung. Neben der Auswahl der Lenkprogramme werden auf dem Bedienterminal Fehlermeldungen und der Status des Lenksystems angezeigt. Erweiterung in puncto Leistung „Wer die Hinterachslenkung einmal ausprobiert hat, möchte nicht mehr darauf verzichten“, blickt Lindner positiv in die Zukunft. Aufgrund der enormen Resonanz ist laut Lindner geplant, das im Markt etablierte Lintrac-Produktportfolio in puncto Leistung sowohl nach oben als auch nach unten zu erweitern. Das freut auch Mobil Elektronik, da der Bereich der landwirtschaftlichen Fahrzeuge zu den Kernkompetenzen des Unternehmens zählt. Immerhin ein Viertel aller EHLA-Systeme finden dort ihren Einsatz. www.mobil-elektronik.com Mobile Maschinen 5/2017 41

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